„Terrible Terry“

05.12.2018

Der süße Terry hat in seinem Heimatland Rumänien eine entscheidende Sache nicht gelernt: das 1×1 im Straßenverkehr. Zusätzlich hat er panische Angst vor Männern. Leider ist es nicht so, dass Terry sich irgendwann zurückzieht, wenn er ausgerissen ist, sondern er sucht sich Plätze, an denen viel los ist.
So kam es, dass Terry aufgrund seiner Angst aus seiner Pflegestelle ausriss und seitdem die Straßen von drei innerstädtischen Gebieten und Großziethen unsicher machte. Wir hatten an diesem Tag den ersten Kontakt als Team mit ihm und verstanden sehr schnell, dass Terry ein ganz merkwürdiges Verhalten an den Tag legte. Er hatte keinerlei Angst vor Fahrzeugen und kreuzte leider nicht nur einmal die Straße, sondern überquerte auf seiner Flucht innerhalb von 100Metern fünf Mal die Waltersdorfer Chaussee. Aufgrund von viel tierischer Erfahrung und einer Angstspezialistin in unserer Praxis, zogen wir in Erwägung, Terry in ein ruhiges Gebiet zu locken, in dem die Chance der Anfütterung größer ist. Uns gelang es, den Hund an zwei Stellen für jeweils 45 Minuten zu binden. Es reichte jedoch schon ein Vogel oder ein verwehtes Blatt aus, um ihn zu verunsichern. Einige Autofahrer sahen, dass der Hund die Straße überquert hatte. Leider fühlten sich auch männliche Personen angesprochen, dem armen Mädchen mit der gelben Mütze zu helfen. So geschah es, dass er von einem Passanten angeherrscht wurde. Naheliegend und „normal“ für einen Angsthund wäre es, diese Person zu meiden, sich umzudrehen und in den menschenleeren Park hinter sich zu flüchten. Terry zieht aber generell Fahrzeuge vor und lief an dem für ihn gruseligen Mann vorbei – direkt zwischen Autos auf die Waltersdorfer Chaussee. Nachdem ein Fahrschulauto eine Vollbremsung machen musste und der Fahrschüler diese Lektion unfreiwillig vorzog, lief Terry zum Bauernhof Mendler und suchte eine Ruhestelle auf, bei der wir uns auch zurückzogen. Man hätte meinen können, dass dieser schöne Busch für die Nacht gut wäre. Wir beobachteten jedoch, dass ein Jogger in 20 Metern Entfernung ausreichte, um Terry zur Flucht zu veranlassen. Er ließ es sich nicht nehmen, die Waltersdorfer Chaussee zu überqueren, an der er erneut einem Fahrer eines Paketlieferdienstes auffiel. Der Herr sprang aus dem Fahrzeug, versuchte den Hund zu locken und ihn zu stellen. Keine abwegige Idee, aber bei einem Angsthund leider das versalzene Rezept. Durch das erneute Triggern seiner Ängste, bekam er einen erneuten Schub und rannte in Richtung A113. Wir stiegen bewusst nicht mehr aus dem Fahrzeug aus, da niemand an dieser Stelle auf den Hund aufmerksam gemacht werden sollte. Wir beobachteten ihn, um gegebenenfalls einen schweren Unfall auf der A113 vermeiden zu können. Terry war zum Glück etwas zu müde, um das Abenteuer Autobahn oder B96A auf sich zu nehmen.

 

06.12.2018

Nachdem die Nacht ruhig verlief und er sich in Schönefeld herumtrieb, wurde er vormittags von Anwohnern in der Fritz-Erler-Allee gesichtet. Die am Vorabend angelegte Futterstelle bei der ehemaligen Pflegestelle wurde von ihm nicht angenommen. Wir suchten die angegebene Stelle und den Nahbereich ab, fanden Terry aber schließlich nicht. Ein verlassener Polizeiwagen stand am U-Bahnhof Lipschitzallee. Dies ließ uns befürchten, dass Terry gehetzt werden könnte. Die Polizeidienststelle wurde im Vorfeld von uns zur Vorgehensweise informiert. Leider wurden die Informationen nicht weitergegeben, sodass die Polizisten die Verfolgung aufnahmen und Terry ihnen dadurch einen Spaziergang im Laufschritt durch zwei Bezirke bescherte. Sie informierten uns über ihren Standort, welcher sich fast in Alt-Buckow befand. Dort trafen wir sie erschöpft und designiert an. Im Nachgang erfuhren wir, dass Terry bei seiner Flucht unter Anderem einen Bus zu einer Gefahrenbremsung veranlasste. Spätestens jetzt war auch klar, dass in der Dienststelle klare Vorgehensweisen zu dem Hund weitergegeben werden müssen. Die Polizisten waren sehr bemüht und nahmen unsere Ratschläge an. Zum Dank boten wir uns als Mitfahrgelegenheit an und ersparten ihnen einen ausgedehnten Spaziergang in den Parkanlagen der morgendlichen Gropiusstadt. Während dieser Aktion trafen wir uns mit dem Tierschutz und koordinierten die Maßnahmen. Es hatte sich inzwischen ein sehr tolles und effektives Team entwickelt, das aus Helfern des Tierschutzes, der Dame von „Entlaufene Hunde Berlin/Brandenburg“ als Tippgeberin und den Mitarbeitern unserer Tierarztpraxis bestand. Wir konnten bei einer Sichtung innerhalb von 10 Minuten aus allen Richtungen einen Einsatz koordinieren. Terry macht es uns nicht gerade einfach, da sein Fell ihm eine perfekte Tarnung bot. Er wurde 40 Minuten vor Sonnenuntergang gesichtet und wir durch Passanten zu Fuß durch die komplette Gropiusstadt gelotst. Eine Außentemperatur von ca. 5°C und Regen waren für alle Beteiligten Kräfte raubend. Terry wollte aber noch in ungeahnte Höhen vordringen und den Mount Großziethen besteigen. Er suchte sich dafür die Einflugschneise zum Südhang und damit auch den Weg der 18-Tonnen-Lastwagen aus, der für die Deponie reserviert ist. Furchtlos kreuzte Terry vor den fahrenden Lastwagen den Weg, sodass ein Lastwagenfahrer auf uns aufmerksam wurde und unsere Gelbmütze einsammelte. Terry stellte sich direkt vor den Lastwagen vor ihm. Zu seinem Glück bremste der Lastwagen und eine Köderboulette flog direkt in seinen Fang.

 

07.12.2018

Wir waren erstmal erleichtert, dass Terry mit einem Beruhigungsmittel versorgt werden konnte, weil er bis zu diesem Zeitpunkt keine Anstalten machte, ortsfest zu bleiben. Wir hofften, dass er sich auf der Deponie niederlassen und sich mit einer Lebendfalle sichern lassen würde. Die Mitarbeiter der Deponie waren super hilfsbereit und nahmen uns kreuz und quer über die Deponie mit. Weit und breit keine Spur von Terry. Wir dachten, dass es vorteilhaft sein würde, ihn dort (abgelegen vom Verkehr) zu halten und zogen uns aufgrund der Dunkelheit zurück. Gerade zuhause angekommen und kurz davor die 1. Mahlzeit des Tages zu sich zu nehmen, klingelte das Telefon und ein Hundebesitzer aus Großziethen meldete sich: Terry würde auf der Karl-Marx-Straße in der Dunkelheit sein Unwesen treiben. Wir waren an diesem Abend nur zu zweit, um ihn zu sichern. Inzwischen waren wir davon überzeugt, dass wir ihn dazu bringen müssen, auf ein Grundstück zu laufen und es dann zu verschließen. Terry nahm uns wahr, weil wir das einzige Auto auf der langen Straße waren und zog sich auf ein Grundstück zurück. Da es doch etwas gruselig ist, wenn Fremde mit Kopflampen im Garten herumschleichen, verständigten wir die Besitzer des Grundstückes. Wir konnten das provisorische Tor verschließen und hatten Wurst und einen Napf mit Betäubungsmitteln. Terry erkundete derweil das Grundstück und traf leider auf den Hund des Nachbarn, der ihn direkt anbellte. Deshalb versuchte er wieder die Flucht zu ergreifen. Er drehte noch zwei Runden durch den Garten, entkam dann knurrend durch den Zaun und verschwand in Richtung Feld. Es wurden zwei Futterstellen aus einer grünen und einer weißen Pansenmischung am Mount Großziethen angelegt. Wir kehrten um 23Uhr nachhause zurück und kreierten den „Köder des Himmels“, bestehend aus einem Fleischballen vermengt mit Hochgeschmacksfutter und mit Käse überbacken. Wir legten eine unwiderstehliche Geruchsspur zum Mount Großziethen und probierten, ihn an die Futterstelle zu binden. Man merkte, dass er uns durch die Medikamente nicht mehr so angsteinflößend fand. Es wurde noch eine neue Mischung für die Geruchsspur hergestellt. Wir haben unsere Hunde noch nie so aufgeregt gesehen. Das Rezept: Leberwurst, Hühnerbrühe, Sardellen und Hühnerfleisch – püriert.

 

08.12.2018

Mit 4 Flaschen der neuen Rezeptur bewaffnet, fingen wir an, die Fährte zum Mount Großziethen zu legen. Wir stellten die Helfer an verschiedenen Beobachtungspunkten auf, postierten uns in der Straße am alten Schwimmbad und beobachteten während des Sonnaufgangs mithilfe eines Fernglases den Mount Großziethen aus 500m Entfernung. Terry blieb verschwunden. Wir trafen uns beim Bäcker, die Helfer durchgefroren und hungrig, und rätselten darüber, wo Terry geblieben sei. Wir fuhren alle Richtungen mehrfach ab und entschlossen und dann, erstmal zum Reiterhof zu fahren, dort eine Helferin zu treffen und nochmal alle Passanten zu befragen. Wir erhielten einen Anruf, dass Terry um 0.30Uhr in Lichtenrade mitten auf der Straße stand und trotz der herannahenden Autos seelenruhig aus einer Pfütze trank. Auf dem Weg dorthin telefonierten wir mit den netten Polizisten des Abschnittes 47 und klärten sie darüber auf, wie sie mit unserem süßen Terry bei Sichtung verfahren müssen. Gleichzeitig warnten wir sie, dass er eine massive Verkehrsgefährdung darstellte. Wir trafen auf sehr viel Verständnis und waren uns der Hilfe sicher. Terry könnte ein Fall für die Polizei werden. Wir suchten und suchten und erhielten den Tipp, dass Terry seit mehreren Stunden den Lichtenrader Damm kreuz und quer passierte und er das letzte Mal in Höhe des Coco Beach Eiscafés gesehen wurde. Er hatte wieder massiv Strecken zurückgelegt und war nicht müde, einen möglichen Unfall zu verursachen. Der Tierschutzverein meldete, dass Terry sich unweit der Buckower Chaussee niedergelassen hatte und sich ausruhte. Wir wurden liebenswerter Weise durch die Tippgeberin zu ihm geführt. Einzig und allein unsere Gelbmütze durfte sich ihm nähern. Terry jedoch roch aber leider nicht den „Köder des Himmels“, sondern den Braten und raffte sich zum nächsten Spaziergang durch Marienfelde auf. Wir überholten ihn auf der Industriestraße und platzierten ca. 100m vor ihm unsere Brühe und Leckerlies. Diese wurden jedoch mit Desinteresse gestraft. Wir folgten ihm auf den Lidl Parkplatz, auf dem er abbremste, weil ein Köder direkt vor seinen Pfoten landete – der „Köder des Himmels“. Wir standen wie angewurzelt da und er fraß den Köder. In diesem Augenblick mussten wir unsere Freude unterdrücken, da ein Lidl Parkplatz an einem Samstag nicht die Ruhe bot, die Terry jetzt bräuchte, um langsam aber sicher in das Land der Träume zu entschwinden. Terry entschied sich nach dem Snack noch eine Runde durch den Bezirk zu laufen. So langsam aber sicher fehlte ihm aber die Energie dazu. Wir folgten ihm in ein Wohngebiet und er legte sich nieder und blieb im einzigen Durchgang der Anwohner liegen. Gelbmütze und die Helferin des Vereins konnten sich Terry auf 3m nähern und ließen sich nieder. Terry kannte sie inzwischen und akzeptierte ihre Nähe. Nach einer Stunde auf dem kalten Boden sitzend, stand er unvermittelt auf und schleppte sich 50m weit. Ein besonders neugieriger, älterer Herr brachte Terry dazu, über den Parkplatz zu traben, links abzubiegen und sich an der Böschung an der Buckower Chaussee unter einen Strauch zu legen. Von Terry sah man nur das Ohr, das ab und zu wie ein Periskop ausgefahren wurde. Inzwischen war der Rest des Praxisteams mit stärkeren Medikamenten eingetroffen. Es war nicht damit zu rechnen, dass dieser Hund irgendein Fünkchen Normalität für uns übrig hätte. Plötzlich sprang Terry auf und machte, als ob nie etwas gewesen wäre, einen Satz au die Straße, wich einem Mercedes aus und wollte im gewohnten Zickzack weiter. Hier waren wir mit Terry an einen Punkt gelangt, an dem es nicht mehr weiterging. Wir verständigten die vorher informierte Polizei und sperrten mit unserem Praxisfahrzeug die Buckower Chaussee. Durch das Hupen und Schreien der Verkehrsteilnehmer lief Terry noch 100m. Durch die Ruhe der gesperrten Hauptstraße wurde er dazu animiert, einen Vorgarten zu nutzen und seinen Mittagsschlaf fortzusetzen. Inzwischen traf die Polizei ein. Terry hielt sich auf dem Grundstück auf, aber das Plätzchen schien ihm doch nicht zu gefallen. Er lief schwanzwedelnd an der inzwischen errichteten Polizeisperrung vorbei und ließ 3 Straßen hinter sich. Die folgende Sperrung war aufgrund der vielen Männer der Polizei und der auf den Boden gestellten Schildern doch etwas gruselig, sodass Terry auf das Grundstück rechts von ihm abbog. Terry ließ sich in einer Ecke nieder und wartete auf seine ehemalige Erstpflegerin. Die Frau der Pflegestelle traf ein, sprach Terry an und er reagierte nicht so wie erwartet. Er kam näher, erkannte sie und lief 30 Minuten lang vor ihr weg. Irgendwann waren wir zeitlich an der Stelle, an der die Sedierung nicht tiefer werden würde und entschieden zusammen mit der Polizei, dass er mit einer Schlinge der Polizei oder unserem Netz gesichert wird. Terry drehte noch zwei Runden in Höchstgeschwindigkeit um das Haus und setzte zum Sprung an. Der Beamte und unsere Mitarbeiterin stellten sich vor ihn. Die Frau der Pflegestelle hatte einen entscheidenden Vorteil. Sie kannte Terry und wusste, dass er nicht richtig beißt und packte beherzt zu. Terry war gesichert! Er wurde sofort in das warme Auto getragen und in die Praxis gebracht.

Ein Kommentar

  1. Dankeschön ! … sooo spannend geschrieben .. mein Kopfkino sprang sofort an .. die beschriebene Gegend kenne ich ganz gut .. und dann auch noch das erstmall tolle happy end .. heisst er jetzt , 17.1.19 , vielleicht Teddy .. und ist unser neuer Nachbar?
    liebe Grüße
    Bärbel &
    Louis

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